Stadtchronik
Teil 3: ab 1960
Um 1960
Die größten Probleme der jungen Bundesrepublik, Flüchtlinge, Wohnungsnot und
mangelnde Arbeitsplätze, spiegeln sich eklatant auch im wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Leben Landaus wider.
Hatte die Bergstadt bis 1940 weniger als 4.000 Bewohner, so waren es in der
Nachkriegszeit knapp über 6.000, wobei 1952 der vorläufige Höchststand mit
6058 erreicht wurde. Von da an begann eine leichte Bevölkerungsabnahme aus
Gründen der Abwanderung in wirtschaftlich erschlossenere Gebiete. Ab 1957
überstieg die Einwohnerzahl endgültig die 6.000er-Marke.
Entsprechend der Stadt entwickelten sich auch die Einwohnerzahlen im
Landkreis Landau von ca. 25.000 im Jahre 1939 auf über 37.000 im Jahre 1951
mit einem Flüchtlingsanteil von über 120.00 Personen.
Hieraus ergab sich ein katastrophaler Wohnungsmangel für Landau. Man musste
auf „Ersatzwohnungen“ in Form von Baracken zurückgreifen, deren letzte erst
1969 aus dem Stadtbild verschwinden sollte.
Schon bevor der Bundestag 1950 das 1. Wohnungsbaugesetz erließ, kam der
Wohnungsbau in Landau in Gang. Der „Bauverein“ stellte schon 1949 die ersten
6 Neubauten an der Marbstraße fertig. Es folgten 1950/51 weitere Häuser am
Schneiderberg, an der Leonhart-, der Buchner- und der Fritz-Kollmann-Straße.
1951 begann auch der Wohnungsbau links der Isar an der Damm-, der Arco- und
der Pfarrer-Huber-Straße, nachdem der Standort des Flurbereinigungsamtes
feststand. Der neue Stadtteil links der Isar begann sich zu entwickeln.
Bis Ende der 50er Jahre waren Landau und sein Umland rein landwirtschaftlich
geprägt. Die Ansiedlung von industriellen Betrieben ließ lange auf sich
warten. So fehlten Tausende von Arbeitsstellen. Die Flüchtlinge suchten
deshalb zunächst Arbeit bei den Bauern. Im Juli 1949 waren von den 2740
Landauer Flüchtlingen knapp die Hälfte in der Landwirtschaft tätig.
Der damalige 1. Bürgermeister Josef Haufellner charakterisierte die Zeit der
frühen 50er Jahre treffend so:
„Wir stehen vor ganz neuen wirtschaftlichen und sozialen Problemen. An
diese schwierigen Aufgaben müssen wir herangehen mit der Erkenntnis, dass
wir alle, Einheimische und Flüchtlinge, aufeinander angewiesen und
gleichermaßen von der gesunden wirtschaftlichen Gesamtentwicklung der Stadt
abhängig sind.“
1950 stand das neue Rathaus zwar zur Einweihung bereit, die gesprengte
Isarbrücke war dagegen noch immer nicht wiederhergestellt. Aber so etwas
wie Aufbruchsstimmung machte sich in der Bergstadt breit, das alltägliche
Leben normalisierte sich, Vereine reorganisierten sich und der gemeinnützige
und private Wohnungsbau setzte langsam ein.
Den Beinamen „Bergstadt“ führte Landau 1950 noch mit Fug und Recht. In der
„Ebene“, links der Isar gab es nämlich noch fast keine Besiedlung.
Lediglich entlang der Straubinger Straße und dem direkten Weg zum Bahnhof,
der Baderallee, standen vereinzelt Häuser.
„Draußen vor der Stadt“ gab es sonst nur saure Wiesen, Wassertümpel und
Buschwerk wie die Flurnamen „Grieß“, „Froschau“, „Schwaige“ und „Moos“
deutlich zeigen. Die ständig wiederkehrenden Isarhochwasser waren trotz
eines vorhandenen Dammes eine dauernde, nie ganz zu bannende Gefahr für
diese Gebiete.
Trotzdem wählten viele Flüchtlinge gerade dieses Gebiet zu ihrer 2. Heimat
und siedelten hier. Das ebene Areal bot günstige und zentrumsnahe Baugründe.
Ganze Straßenzüge wurden in der Folgezeit hier angelegt und bevölkert.
Die Pfarrer-Huber-Straße ist ein beredtes Zeugnis jener Zeit für den
Bauboom im Norden der Stadt.
Auffällig für einen Auswärtigen waren seinerzeit und sind es heute noch die
vielen Gastwirtschaften in der Altstadt. Soweit man zurück denken kann,
waren es immer an die 30, so auch um 1960. Von den ehemals 14 Brauereien im
18. Jahrhundert war nach dem 1. Weltkrieg allerdings nur der Krieger-Bräu
übrig geblieben.
Wortführer im politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt waren die
eingesessenen Handwerker sowie die Vieh- und Getreidehändler. Um die
eigenen Positionen zu halten und zu verteidigen gab es einflussreiche
Persönlichkeiten, die einer Öffnung der Stadt, bezüglich jedweder
Gewerbeansiedelung und Errichtung eines „Fluramtes“ negativ gegenüber
standen. „Da kommen so viele G`studierte auf Landau, die brauch ma net“,
so hörte man die Parole am Biertisch.
Bis zur Gebietsreform 1972 blieb Landau Kreisstadt mit eigenem
kleinstädtischem und ländlichem Charme. Alle hierfür notwendigen Ämter,
wie Landratsamt, Finanzamt Vermessungsamt und Amtsgericht, befanden sich
innerhalb der Landauer Mauern und gewährleisteten regionale Zentralität.
Was nach 1950 aber dringend fehlte, waren Arbeitsplätze. Beschäftigung gab
es nur in der Landwirtschaft. Die bedeutendste industrielle Produktionsstätte
des Landkreises war, wie schon seit Jahrzehnten, das Dachziegelwerk Möding.
Aber auch in Bezug auf Schaffung von Arbeitplätzen war das entstehende
Fluramt ein Segen für die Region.
Der erste Schein der Morgenröte des Wirtschaftswunders zeigte sich vor 1960
am dunklen Konjunkturhimmel über Landau.
In der Herstellung elektromedizinischer Geräte hatte die Firma Janus einen
guten Ruf und exportierte auch ins Ausland. Zu ihr gesellten sich bald die
Strickwarenfabrik Sebastian Beer, die Strumpffabrik Reinhard Schultz und
das Zweigwerk der Firma Triumph (Miederwaren). Zu größeren
Holzverarbeitungsbetrieben entwickelten sich die Firmen Righi und Marek.
Heute gibt es in der Stadt keine mehr der damals so hoffnungsvoll
gestarteten Firmen.
weiter zu Teil 4 (1961 - 1999)
Nik. Söltl