Mutige Frauen wollen Landau vor der Bombariderung retten
Einsatz für die Stadt unter Lebensgefahr – von Nik Söltl
Auf dem alten 50-Pfennig-Stück war auf der Rückseite das Motiv einer knienden Frau dargestellt, die einen Eichensetzling pflanzt. Es symbolisierte zunächst den Wiederaufbau des zerstörten Deutschlands, die Rolle der „Trümmerfrauen“, die aber die gleichen waren, die in den Jahren des „totalen Kriegs“ und den Tagen des Zusammenbruchs des Nazi-Regimes die Hauptlast der körperlichen Belastung und Verantwortung in der Heimat zu tragen hatten. So gesehen war das alte „Fünfzigerl“ ein gut gewähltes Motiv, um die Rolle der Frauen in der Kriegs- und der frühen Nachkriegszeit treffend zu beschreiben. Eine alte Dame, die die Kriegszeit und den Zusammenbruch als junge Frau und Mutter selbst miterlebt hat, sagte mir vor kurzem:
„In Notzeiten sind die Frauen immer stark gewesen. Für meine Generation galt, dass wir uns für das, wofür wir verantwortlich waren, voll einsetzten. Die Not hat uns gelehrt, uns zu emanzipieren. Wir organisierten uns, um ein Überleben im Chaos zu ermöglichen.“
Im April 1945 war der Krieg in seinen letzten Zügen. Er war allgegenwärtig und schrecklich. Von den Männern waren die meisten noch an den sich auflösenden Fronten, nur Alte und halbwüchsige Burschen waren vom Fronteinsatz verschont und an der Heimatfront eingesetzt. Viele der Männer und Söhne der „starken“ Frauen in der Heimat waren schon gefallen, wurden vermisst, waren verwundet oder in Gefangenschaft geraten. Die Frauen mussten den täglichen Existenzkampf meistern und die Familie über Wasser halten. Oft war auch noch das Geschäft oder der landwirtschaftliche Betrieb zu führen. Die Frauen waren des ewigen Tötens längst müde, ebenso der Nazi-Propaganda, die immer noch den „Endsieg“ beschwor. Selbstbewusste Frauen wollten sich in dieser entscheidenden Situation des Krieges lieber ergeben als in letzter Minute für sich und die Familie das Leben aufs Spiel zu setzen.
So fühlten sich auch viele Landauer Frauen aus Sorge ums Überleben und um Erhaltung der Heimat verpflichtet und stark genug, Zivilcourage zu zeigen und Widerstand gegen ein unmenschliches, unerbittliches Nazi- Regime zu leisten und selbst den Einsatz des eigenen Lebens zu wagen, wie beredte Beispiele aus den letzten Kriegstagen in Landau zeigen:
Am 25. April 1945, vier Tage vor dem Anrücken der amerikanischen Truppen vor Landau, warf ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug tausende von Flugblättern in der Oberen Stadt ab, in denen der Bürgermeister zur kampflosen Übergabe aufgefordert wurde, wenn man eine Zerstörung der Stadt vermeiden wolle. Am selben Tag bekamen die Entscheidungsträger in Landau, der kommissarische Nazi-Bürgermeister Grüner und der Standortkommandant Oberstleutnant Lindheimer den Volkszorn und die geballte Macht der Landauer Frauen zu spüren. Im Folgenden wird die Beschreibung dieser Ereignisse dem Geheft des Steinfelsbenefiziaten Zeuss wörtlich, aber etwas gekürzt übernommen:
„Der kommissarische Nazibürgermeister Grüner wollte sich diesbezüglich noch Weisungen bei der Kreisleitung in Dingolfing einholen; da er angeblich die Fahrt mit dem Auto , unter Mitnahme der Familie plante, nötigte man ihn, eine Fluchtabsicht befürchtend, nur mit dem Motorrad und zwar allein abzufahren.
Unterdessen zog ein Trupp beherzter Frauen zum Wehrmeldeamt in der Hochstraße, um eine kampflose Übergabe zu erbitten. Aber angeblich soll sie Oberstleutnant Lindheimer ausgejagt, und als sie zudringlicher geworden, mit Erschießen gedroht haben. Tatsächlich wurden Tags darauf einige Demonstrantinnen zeitweilig verhaftet.“
Am Abend wurde im Rathaus ungewöhnlich stürmisch über das weitere Vorgehen bezüglich Übergabe diskutiert und es versammelte sich eine erregte Volksmenge, hauptsächlich aus Frauen bestehend, und wartete auf Grüner:
„Mittlerweile war Bürgermeister Grüner mit dem Motorrad angeknattert gekommen. Sofort knäuelten ihn die Frauen derart ein, dass er sich auf den Steinkorb des Marienbrunnens setzen musste und bat, es sollte nur eine Abordnung von acht bis zehn Frauen bei ihm Red' und Antwort einholen. Er erklärte nun diesen, dass die Stadt verteidigt werden müsste.
Wohl wäre er persönlich verpflichtet, dem Führer das gegebene Wort zu halten, doch betreffs Landaus Schicksal sei nunmehr seine Entscheidungsgewalt zu Ende, weil der Oberbefehl vom Militär übernommen worden sei. Sprach es und entschlüpfte durch eine Lücke auf sein Motorrad und suchte schleunigst aus dem gefährlichen Bereich zu entkommen.“
Inzwischen kreiste ein amerikanisches Flugzeug über dem Stadtplatz: „Furchtlos winkten die Frauen mit weißen Tüchern zum Luftbeobachter empor, ja manche ließen in beiden Händen weißes Tuch flattern, doch war alles schon nutzlos geworden. Denn jetzt erklärte auch Oberstleutnant Lindheimer, der Oberbefehl sei von ihm weg auf die Offiziere der SS beziehungsweise auf die Flieger (von Ganacker) übergegangen. Tatsächlich beschlagnahmten diese nun sofort Telefon und Telegraf und ließen keinerlei Nachricht mehr von Landau nach außen dringen. Um den Volkszorn in Schach zu halten, wurde ein Maschinengewehr aufgefahren, um, nach SS-Methode bereit, auf die eigenen Volksgenossen zu feuern.“
Die Frauen hatten es nicht erreicht, dass die weiße Fahne gehisst wurde. Auch die Forderung, dass die Vorkehrungen zur Sprengung der Brücken rückgängig gemacht werden, blieb unerhört. Die Menge zerstreute sich wieder, aber jedermann erwartete jetzt für die kommende Nacht die angekündigte schwere Bombardierung. Diese jedoch kam nicht und die Bevölkerung beruhigte sich vorerst wieder.
Während der letzten entscheidenden Beschießung der Stadt am 1. Mai wurde die weiße Fahne dennoch auf eigene Gefahr von einer jungen Landauerin auf dem Kirchturm gehisst, aber vom Militär wieder eingeholt.
Über die wagemutige Zivilcourage der Fanny Ries, die unerschrockene Hilfsbereitschaft der Else Sturm und der Besonnenheit der von der NSDAP entlassenen Kindergärtnerin Fräulein Strebe wird in einem weiteren Bericht die Rede sein.